Die Nacht in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond. (M. Kaleko)

Die Nacht in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond. (M. Kaleko)

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Liebe Leser*innen des SCHIRM- Briefes im Advent 2017,

„Wann sind wir endlich da?“ Diese Kinderfrage von der Rückbank des Autos mit hoffnungs-vollem Stimmchen gezwitschert, klingt mir vertraut im Ohr. In Halle gestartet, konnten wir spätestens auf der B 100, Höhe Landsberg mit der ungeduldigen Frage nach der Ankunft rechnen. Und dann galt es, eine Antwort zu finden, die nicht ganz gelogen war, gleichzeitig die Laune nicht gänzlich verdarb und geschickt eine ewig lange Fahrtzeit umschrieb. Mir war seinerzeit nicht klar, dass diese Frage nach dem Ankommen recht einfach zu beantworten ist. Diese Sorte Weg ist berechenbar, es gibt Zeit- und Streckenangaben, die verlässlich sind, so nichts Unvorhergesehenes die Reise stört. In den meisten Fällen ist das Ziel des Familienurlaubes zumindest grob im Vorfeld geklärt. Man freut sich auf das Ankommen an einem fremden Ort, auf das Kennenlernen neuer Gegenden und Menschen, auf das Erschließen, Entdecken und Sich-vertraut-machen von bisher Unbekanntem. Endlich ankommen ist schön.
„Wann sind wir endlich da?“ aus anderem Mund, in gesellschaftlichem Zusammenhang gestellt, ist deutlich komplizierter zu beantworten. Manchmal möchte ich in dieser chaotischen Zeit so gern von meiner Rückbank nach vorne schreien: „wann sind wir endlich da?“, und wünschte mir eine beruhigende Antwort, wann wir in ruhigeren, menschen-freundlicheren Fahrwassern ankommen. Das würde uns Sicherheit geben und eine Orien-tierung, wie lange das noch so weiter geht. Aber die Antwort bleibt aus, die weiß niemand. Für den Weltenlauf gibt es keine vorhersagbaren Strecken- oder Zeitangaben und die Unruheherde, Stolpersteine und Überraschungen sind zahlreich. Wir wandern weiter in Ungewissheit und Unsicherheit in das unbekannte Zukunftsland. Trotz aller banger Aussichten: entscheidend ist, dass wir überhaupt losgehen. Ohne Losgehen, kein Ankommen. Das ist das Lohnende am Unterwegssein, am Suchen. Wir Menschenwesen tragen die unstillbare Sehnsucht in uns, irgendwo in Frieden anzukommen: wir wünschen es unseren Liebsten, dass sie mit ihren Vorhaben unversehrt an ihr Ziel kommen, wir wünschen es uns beruflich, „es geschafft zu haben“, das zu arbeiten, was wir mögen. Wir wünschen uns, in unserem eigenen Leben anzukommen, einen Ort gefunden zu haben, an dem wir das Gefühl von Heimat und Geborgenheit spüren. Wir sind auf der Suche, irgendwo im Warmen, im Menschlichen aufgenommen zu werden. Endlich ankommen ist schön. Jedoch: es ist ein flüchtiges Gefühl. Viele Orte des Friedens stellen sich als instabil heraus oder passen irgendwann nicht mehr. Dann müssen wir weiter ziehen, einen anderen Ort des Ankommens für uns suchen.
Das SCHIRM-Projekt ist für viele Menschen ein Ort, an dem sie ankommen, an dem sie das Gefühl finden: hier werde ich gemocht, hier bin ich sicher.
Manche Menschen sind Dauergäste im SCHIRM, sie bleiben für lange bei uns, andere sind für eine Verschnaufpause bei uns eingekehrt. Im vergangenen Jahr haben neue Mitarbei-ter*innen einen Platz bei uns gefunden und sagen, sie seien angekommen und wollen von dieser Arbeit nicht mehr wechseln. Es erfüllt sie selbst mit Leben, anderer Menschen Leben zu begleiten. Wir haben in einer kleinen Wohngemeinschaft ein Zuhause für vier Kinder geschaffen, einen Ort an dem sie sicher sind, an dem sie vor Freude laut lachen dürfen, bei Trauer weinen, in Wut fluchen, bei Zorn schimpfen – und werden trotzdem lieb gehabt. Sie sind zu uns gekommen, weil sie bei ihren Eltern nicht mehr leben können. Dort werden sie abgelehnt und missachtet, sie hatten Angst und liefen deshalb von zu Hause weg. Wenn sie von der Polizei wieder gebracht worden, hat niemand auf sie gewartet und in Empfang genommen, sie wurden ausgeschimpft und als Belastung empfunden. Jetzt sind sie angekommen, unsere Schirmkinder: es gibt Menschen, die mit dem Mittagessen auf sie warten, wenn sie aus der Schule kommen, die zusammen mit ihnen Apfelkuchen backen und Laternchen für den Martinsumzug basteln, die ihnen das Zähneputzen beibringen und sie zum Zahnarzt begleiten, wenn sie Angst haben, die den Mädchen schöne Frisuren machen und für die Jungs ein cooles halloween-Kostüm nähen. Sie sind alle beieinander angekommen. Einer der schönsten Nebeneffekte des Ankommens ist, dass man sich traut, die Fensterchen seiner Seele etwas weiter zu öffnen – raus zu schauen und rein zu lassen. Das ist für uns Mitarbeiter*innen besonders schön: wenn die Seelen-Fenster aufgehen, wenn zwischenmenschliche Begegnung möglich wird, wenn Vertrauen aufblitzt, wenn man Spuren hinterlässt. Wie viele Momente des Ankommens durften wir im vergangenen Jahr genießen: bei den Freizeiten, in der ersten Nacht im Zelt, im Abenteuer, in der Kinderschutz-stelle nach langen Nächten der Angst, der Verzweiflung, des Hungers und der Unsicherheit, in unserer Anlaufstelle nach grober Auseinandersetzung auf offener Straße, in unseren Herzen, wenn wir wieder und wieder das Wunder erleben dürfen, dass ein neuer Mensch auf unserer Erde ankommt, in der Schulsozialarbeit, wenn ein kippeliger Schüler in der nächsten Klasse ankommt. Ankommen ist schön.
Wir freuen uns bei jedem Ankömmling im SCHIRM, wenn wir ihm das Gefühl des Angekommenseins schenken können. Hier ist er gut so wie er ist, mit all seinem Zweifel, seiner Enttäuschung, seiner Angst, seinen Verletzungen und – den dicht verschlossenen Fenstern seiner Seele, die sich leise und zaghaft, Stück um Stück öffnen, wenn es gut geht.
Liebe Leser*innen, es bleibt uns allen nicht erspart: wir müssen loslaufen um anzukommen. Dafür lohnt sich jeder holprige Weg und jeder erste Schritt. Ich wünsche Ihnen für die Adventszeit und für das kommende Jahr, immer wieder das schöne Gefühl des Ankommens und den Mut, die Fenster Ihrer Seele sperrangelweit aufzumachen, um raus zuschauen und rein zulassen. Mögen auch Sie mit all Ihren persönlichen Vorhaben unversehrt an Ihrem Ziel ankommen.
Das wünsche ich Ihnen.
Ihre Anna Manser